Dieser Beitrag erschien im Dezember 2025 in der SIÖ, der Fachzeitschrift vom Österreichischen Berufsverband der Sozialen Arbeit. In den Blick genommen werden sowohl die strukturellen Veränderungen des Sozialbereichs in Wien als auch die konkreten Auswirkungen der Budgetkürzungen im Bereich der Wohnungslosenhilfe.


Krise und Sozialabbau

Österreichs Wirtschaft tut sich schwer, die längste Rezession der Nachkriegszeit hinter sich zu lassen. Damit droht, was zu solchen kapitalistischen Verwertungskrisen meist dazu gehört: Kürzungen im Sozialbereich.

Die Krise ist auch in Wien angekommen. Sie trifft hier auf eine sozialdemokratisch regierte Stadt, die sich für ihren ausgebauten Sozialstaat rühmt. Tatsächlich wurden viele sozialstaatliche Strukturen erhalten, die in anderen europäischen Städten nie existierten oder vor Jahren abgebaut wurden. Trotzdem operiert Wien längst mit neoliberalen Verwaltungsstrukturen, welche die sozialdemokratische Stadtregierung um die Jahrtausendwende eigenhändig eingeführt hat.

Die aktuellen Budgetprobleme lassen die daraus entstehenden Widersprüche wie unter einem Brennglas erscheinen. Im engen Korsett der ökonomisierten Verwaltung erscheinen Kürzungen als Sachzwang, doch diese bringen das soziale Selbstbild der Stadtregierung arg ins Wanken. Wie wirkt sich das auf die Soziale Arbeit, insbesondere in der Wiener Wohnungslosenhilfe, aus?

Vom Wohlfahrtsstaat zum modernen Dienstleistungskonzern

Um den politischen Kontext der drohenden Kürzungen im Sozialbereich zu verstehen, ist ein kurzer Blick zurück notwendig. Historisch gesehen war Wien zunächst das Machtzentrum der Habsburgmonarchie, entwickelte sich dann zum sozialistischen Roten Wien der ersten Republik und schließlich – nach dem (Austro-)Faschismus – zur sozialdemokratischen Metropole der zweiten Republik. Viele sozialstaatliche Errungenschaften – wie z.B. der kommunale Wohnbau –, die auf das rote Wien und die Arbeiter*innenbewegung zurückgehen, wurden von den sozialdemokratisch dominierten Regierungen weitergeführt. Die neoliberale Privatisierungswelle der 1990er Jahre wurde nur bedingt vollzogen. Die SPÖ Wien blickt am 8. Oktober 2025 auf Bluesky auf diese Zeit zurück: Während andere Städte damals kommunale Dienstleistungen wie “Gemeindewohnungen, Energieversorgung, Müllabfuhr oder Wasser privatisiert haben, hat sich Wien aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen dagegen entschieden.” Das ist jedoch höchstens die halbe Wahrheit: Auch in Wien wurde eine umfassende Ökonomisierung der Steuerung vollzogen sowie städtische Betriebe ausgelagert und privatrechtlich reorganisiert – wobei die gegründeten Privatunternehmen immerhin im Eigentum der Stadt blieben. Die Ökonomisierung lässt sich gut im Handbuch der Stadt Wien 2001 nachvollziehen.

Dort ließ der damalige SPÖ-Bürgermeister Dr. Michael Häupl verlauten, dass die Stadtverwaltung ein “Imageproblem” habe und modernisiert werden müsse. Sie gelte als “schwerfällig, bürokratisch und langsam”, weshalb sie zu einem “modernen Dienstleistungskonzern” umgebaut werden soll, welcher sich stärker an den “Bedürfnissen der Bürger als Kunden” orientiere (Stadt Wien 2001:9). Die Reform “vom Obrigkeitsstaat zum Dienstleistungskonzern” war damals schon in vollem Gange, etwa durch die Ausgliederung der Wiener Stadtwerke aus dem Magistrat in eine Aktiengesellschaft (1999) oder der privatrechtlichen Reorganisation weiter Teile des Sozialbereichs durch die Gründung des Fonds Soziales Wien (FSW) im Jahr 2000. Damit wurde Sozialpolitik zur “Sozialwirtschaft” - in diese hielten Logik und Sprache des Marktes Einzug.

Die Ökonomisierung des Sozialen

Was neoliberale Verwaltungsreformen für sozialstaatliche Versorgungsstrukturen bedeuten, wurde schon vielfach ausbuchstabiert, konkret für Wien etwa von Diebäcker u. a. (2009). Strukturell führen sie zu einer verdeckten Entdemokratisierung und Entpolitisierung. Weil Entscheidungen nicht mehr durch gewählte Gremien getroffen werden, sondern durch Manager*innen und Aufsichtsräte – womöglich unter geringerer Transparenz –, findet ein Legitimationsverlust gegenüber Bürger*innen statt. Durch die Ökonomisierung werden Strukturen der Mitbestimmung geschwächt, etwa auf Ebene der Sozialpartnerschaft: Was ist ein guter Lohnabschluss wert, wenn der FSW diesen gegenüber den Trägern anschließend nicht durch entsprechende Erhöhung der Tagsätze valorisiert? Wenig, wenn Träger als Konsequenz Personal kündigen und/oder dessen Arbeit verdichten müssen – so werden KV-Verhandlungen tendenziell dysfunktional. Bürger*innen mit Rechten werden im Marktjargon zu “Kund*innen”, wie sich auch in den Konzepten des FSW zeigt. Waren sie vorher Mitglieder eines Gemeinwesens, sind sie nun den Dienstleistern äußerliche Konsument*innen, welche Ansprüche, aber kaum Rechte haben – und zynischerweise auch keine Wahl, wie der Begriff “Kund*in” suggerieren würde. Auf Ebene der Zielorientierung führt die Ökonomisierung zu einer Verschiebung der Handlungslogik weg von Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit hin zu Wirtschaftlichkeit und Kostendeckung, wobei politische Debatten über sozialstaatliche Aufgaben von Unternehmenskommunikation und PR abgelöst werden.

Innerhalb der sozialen Organisationen führt die Ökonomisierung dazu, dass die Erfüllung der Ansprüche der Steuerungslogik immer mehr Platz einnimmt und immer weniger Zeit für Kernaufgaben bleibt. Zentrales Merkmal neoliberaler Verwaltung ist die Outputsteuerung durch Kontraktmanagement. Staatliche Unternehmen wie der FSW kaufen definierte Leistungen bei Trägern ein. Gesteuert wird über Kostendeckel, Sollauslastung und Controlling, durch welches erbrachte Leistungen mit Zieldefinitionen abgeglichen werden. Da mit allen Trägern einzelne Verträge abgeschlossen werden, geraten Träger auf einem Quasi-Markt in Konkurrenz zueinander und damit unter Kosten- und Anpassungsdruck, worauf bei Trägern mit Ressourcenverlagerung von der Basis zu neuen Managementebenen oder PR-Stabsstellen reagiert wird. Für Fachkräfte der Sozialen Arbeit bedeuten die Controllinganforderungen oft einen erheblichen Mehraufwand, da Dokumentationsanforderungen zur ausschließlichen Bedienung der Systemlogik zunehmen und so weniger Zeit für die Kernarbeit bleibt. Dies führt wiederum zu Sinnverlust und nicht selten zum Burnout. Oder aber die Verwaltungslogik wird zur Entlastung in die professionelle Identität integriert, indem das eigene Handeln auf die korrekte Bedienung von bürokratischen Verwaltungsanforderungen reduziert wird.

Die verdeckte Entdemokratisierung auf struktureller Ebene und die Verschiebung von Kernaufgaben zur Bedienung der Systemlogik auf organisatorischer Ebene führt dazu, dass ökonomische Kriterien zum ideologischen Ersatz für politische Aushandlung werden. In Zeiten der Budgetkrise bedeutet dies, dass “Knappheit” oft als alternativloser Sachzwang akzeptiert und verwaltet wird, statt diese politisch als Frage der Verteilungsgerechtigkeit zu verhandeln – auch in der Wiener Wohnungslosenhilfe.

Brennpunkt Wiener Wohnungslosenhilfe

Die Wiener Wohnungslosenhilfe (WWH) illustriert ökonomisierte Verwaltungsstrukturen schon fast idealtypisch. Die WWH wird – wie viele soziale Angebote in Wien – hauptsächlich vom Fonds Soziales Wien (FSW) finanziert. Das seit 2022 existierende neue Rahmenkonzept des FSW für die Wohnungslosenhilfe wird von unterschiedlichen Trägerorganisationen vertragsbasiert implementiert. Im Rahmen der subjektgeförderten Finanzierung werden Tagsätze und ein Sollwert für eine Anzahl von Personen(-gruppen) pro Jahr und Träger budgetiert. Die Personalgröße der Träger ist somit eng an die Jahresbudgets gekoppelt. Das Beratungszentrum Wohnungslosenhilfe des FSW (bzWO) vergibt Förderungen direkt an wohnungslose Menschen, die Träger stellen ihre Leistungen dem FSW in Rechnung.

Obwohl das Rahmenkonzept des FSW das Prinzip “Housing First” vorsieht, sind die Wartezeiten auf Förderungen derart lang, dass davon längst keine Rede mehr sein kann. Erfahrungswerte aus der Praxis zeigen, dass man auf mobile Wohnungslosenhilfe (MoBeWo) bis zu 12 Monate wartet, auf stationäre (StaBeWo) eher 1.5 Jahre oder mehr. Einmal gefördert, ist das Warten aber nicht vorbei: Je nach Anspruchsberechtigung und Träger (Stichwort Trägerkonkurrenz am Wohnungsmarkt) kann die Wartedauer auf eine Wohnung zwischen wenigen Wochen bis mehrere Jahre dauern (letzteres betrifft v.a. asylberechtigte Großfamilien ohne Anspruch auf Gemeindewohnungen). All dies zeigt: Trotz Gemeindebau & Co. haben wir es in Wien mit einer klaren Mangellage zu tun.

Dies ist der Kontext, in dem nun auch in der WWH gespart wird. Während der FSW bis ca. 2024 noch signalisierte, MoBeWo solle ausgebaut werden, erfolgte gegen Jahresende eine Kehrtwende. An klare Informationen ist schwer heranzukommen (hier zeigt sich der Legitimationsverlust durch Intransparenz), doch unter den in diesem Bereich Tätigen spricht sich herum, dass teilweise durch den FSW die Anzahl jährlich zu leistender Betreuungen (“Kapazitäten” genannt) reduziert und/oder die diese Betreuungen finanzierenden Tagsätze unzureichend erhöht wurden. Die daraus resultierenden finanziellen Engpässe führten im laufenden Jahr in mehreren Fällen zu Arbeitgeberkündigungen und zu Arbeitsverdichtung für bleibende Sozialarbeiter*innen.

Folgt man dem durch PR glatt polierten Image der Stadt, spart der FSW noch gar nicht. Erst am 14.10.2025 erfolgte die offizielle Ankündigung, dass auch der FSW eine Rolle in der Konsolidierung übernehmen wird. Durch “zurückhaltende Anpassung der Tarife, das Präzisieren der Aufnahmekriterien und den verstärkten Fokus auf treffsichere Leistungen” soll der Mitteleinsatz gezielter und effizienter werden (Stadt Wien 2025). Wenn das auch die Wohnungslosenhilfe trifft, sind durch “zurückhaltende Tarifanpassungen” weitere Entlassungen und Arbeitsverdichtung zu befürchten. Durch “präzisere Aufnahmekriterien” und “treffsicherere Leistungen” würden Wartezeiten reduziert, allerdings um den Preis einer weiteren Belastungserhöhung für Sozialarbeitende durch Verdichtung von komplexen Problemlagen und einer Zunahme von Hilfe benötigenden Menschen, welche in der Schwebe zwischen “Chancenhäusern”, 6m2 großen “Wartewohnplätzen” oder hospitalisiert auf ein besseres Leben warten; in Einrichtungen, welche schon jetzt ihre Kapazitätsgrenzen überschritten haben.

Immer wieder: Repolitisierung Sozialer Arbeit

Meist bleibt im stressigen Arbeitsalltag wenig Zeit, sich mit Kürzungen auseinanderzusetzen oder dagegen aktiv zu werden. Sie als vermeintlichen Sachzwang außerhalb der eigenen Einflusssphäre hinzunehmen oder durch Mandatsorientierung und Nicht-Zuständigkeit abzuwehren, ist strukturell begünstigt und oft auch Selbstschutz gegen noch mehr Stress und drohendem Arbeitsplatzverlust.

Doch von oberen Hierarchiestufen ist wenig zu erwarten. Die Regierung scheint vor allem darum bemüht, die offen aufbrechenden Widersprüche durch noch mehr PR weiter latent zu halten. Ansonsten droht die reaktionäre “Stabilisierung” der Gesellschaft von rechts, durch Reduktion des gesellschaftlichen Fassungsvermögens indem größere Teile ihrer Mitglieder formal ausgeschlossen werden. Gegen diese Szenarien müsste Soziale Arbeit die undemokratischen Steuerungsstrukturen und ihre Sachzwanglogik delegitimieren und ihnen eine Repolitisierung der Knappheit als Verteilungsfrage und Gerechtigkeitskonflikt entgegenhalten. Im fragmentierten Quasi-Markt kann dies vielleicht nur durch die Institutionalisierung von trägerübergreifenden Kommunikationsstrukturen an der Basis sowie breiten Allianzen mit Adressat*innen und der Öffentlichkeit gelingen.

Literatur

Diebäcker, Marc/Ranftler, Judith/Strahner, Tamara & Wien), Gudrun Wolfgruber (Standortredaktion (2009): „Neoliberale Strategien und die Regulierung sozialer Organisationen im lokalen Staat. Von der Ökonomisierung des Politischen zur Depolitisierung und Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit – Teil I". soziales_kapital 3. https://soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/view/150 (11. September 2025).

Stadt Wien (2001): 115 Handbuch der Stadt Wien 2001. Wien: Jugend & Volk GmbH. http://www.digital.wienbibliothek.at/1523581 (14. Oktober 2025).

——— (2025): „Budget 2026: Wohlstand sichern. Sozialen Zusammenhalt stärken." https://www.wien.gv.at/politik/budget-2026 (19. Oktober 2025).